So richtig möchte es noch niemand wahrhaben, aber heute Morgen war es nicht mehr zu übersehen: Unser letzter vollständiger Tag auf Ameland war angebrochen.
Und mit ihm verschwanden nach und nach einige der Dinge, die in den vergangenen Tagen ganz selbstverständlich zu unserem Inselalltag gehört hatten.
Nach dem Frühstück öffnete zum Beispiel unser Wettbüro ein allerletztes Mal seine Pforten. Noch einmal wurde gerechnet, verglichen und vor allem das in den vergangenen Tagen mehr oder weniger erfolgreich erwirtschaftete Vermögen zusammengetragen. Denn heute zeigte sich, was die Amelose wirklich wert waren.
Es ging um nichts Geringeres als den Hauptgewinn des Wettbüros: einen Rundflug über Ameland.
Für die dazugehörige Versteigerung konnten wir in diesem Jahr auf professionelle Unterstützung zurückgreifen. Christoph Tiemann übernahm das Kommando und machte aus der Versteigerung ein äußerst unterhaltsames Ereignis.
Es wurde geboten. Und überboten. Beraten. Neu gerechnet. Geld zusammengelegt. Wieder geboten. Und irgendwann war tatsächlich der Moment gekommen:
Zum Ersten. Zum Zweiten. Zum Dritten! Der Rundflug ging an Marius, Johann und Benno aus der 8d. Viel Zeit, sich über den Gewinn Gedanken zu machen, blieb den dreien nicht. Wenig später ging es zum Flugplatz – und dort wurde aus der Freude dann doch ein klein wenig Aufregung. Schließlich steigt man auch auf Ameland nicht jeden Tag in eine kleine Maschine, um die Insel, auf der man fast zwei Wochen gelebt hat, plötzlich von oben zu betrachten.
Während drei Achtklässler Ameland aus einer völlig neuen Perspektive kennenlernten, ging es für den Rest zum nächsten großen Finale dieses Tages.
Nach den Gruppenspielen der vergangenen Tage standen sich auf dem Fußballplatz die beiden besten Mannschaften des Turniers gegenüber: 8c gegen 8d. Und das Finale hielt, was die Vorrunde versprochen hatte.
Es entwickelte sich ein schnelles, faires und hart umkämpftes Spiel. Die 8c übernahm die Führung doch der Rückstand wurden verringert. Am Ende stand es 5:4 für die 8c. Damit durfte sich die 8c zum Amelandmeister 2026 küren. Die 8d musste sich nach einem großartigen Finale denkbar knapp geschlagen geben – und konnte den Platz angesichts dieses Spiels trotzdem mit erhobenem Haupt verlassen.
Danach wurde es plötzlich erstaunlich geschäftig. Denn spätestens jetzt ließ sich das Ende der Fahrt nicht mehr verdrängen: Die Koffer mussten gepackt werden.
Zimmer wurden aufgeräumt und gefegt, verschwundene Kleidungsstücke ihren hoffentlich rechtmäßigen Besitzern zugeordnet und die Habseligkeiten irgendwie wieder in jene Koffer befördert, in die sie bei der Hinfahrt noch problemlos hineingepasst hatten.
Draußen bleiben durften nur noch zwei Dinge: Zahnbürste und Partyoutfit.
Denn ein letzter Abend lag schließlich noch vor uns. Nach dem Abendessen erschienen die Schülerinnen und Schüler dann entsprechend herausgeputzt und teilweise aufwendig gestylt im Gemeinschaftsraum. Bevor der die Musik beginnen durfte, wurde es dort aber zunächst noch einmal ruhig.
Unser Schulseelsorger Stephan Orth blickte gemeinsam mit uns auf die vergangenen Tage zurück. Im Mittelpunkt stand eine Lesung aus dem Buch Kohelet: die Vorstellung, dass alles im Leben seine Zeit hat – die ganz unterschiedlichen Erfahrungen, das Schöne ebenso wie das Schwierige, das Gelingen ebenso wie die Momente, in denen etwas überwunden werden muss. Und davon hatte es in zwölf Tagen Ameland schließlich einiges gegeben.
Zeit zum Ankommen und Zeit zum Abschiednehmen. Zeit zum Gewinnen und zum Verlieren. Zum Streiten und Vertragen. Zum Lachen, Tanzen, Fahrradfahren, Nasswerden, Durchhalten und Zusammensein.
Dann gingen die Lichter aus. Und die Diskokugel an. Ein letztes Mal wurde getanzt. Ein letztes Mal gemeinsam gefeiert. Und wer nach zwölf Tagen Ameland tatsächlich noch irgendwo Energiereserven versteckt hatte, konnte sie nun endgültig aufbrauchen. Bis schließlich die ersten Töne von „Angels“ von Robbie Williams erklangen. Die ganze Stufe fand sich zu einem großen Kreis zusammen. Arme legten sich um Schultern. Es wurde gesungen, geschunkelt und vielleicht hier und da auch ein bisschen geschluckt.
Vier Klassen, die als neue Klassengemeinschaften auf diese Insel gekommen waren. Watt und Nordsee, Fahrräder und Trecker, Robben und Drachen, Fußball und Strandolympiade, Sonne und ziemlich viel Nieselregen. Gemeinsame Mahlzeiten, Spiele, Partys, kleine und größere Herausforderungen – und unzählige Erlebnisse, von denen sich viele vermutlich erst in den kommenden Wochen als Erinnerungen festsetzen werden.
Und nun standen alle gemeinsam in diesem Kreis. Was für ein Abschluss.
Morgen früh heißt es dann tatsächlich Abschied nehmen. Ein letztes Frühstück, ein letzter Blick durch die Zimmer – und dann steigen wir auf unsere Fahrräder und machen uns auf den Weg nach Nes. Dort wartet die Fähre, die uns zurück aufs Festland bringt.
Und irgendwann am Abend werden aus 12 Tagen Ameland Geschichten geworden sein, die man zu Hause erzählen kann. Erschöpft. Glücklich. Und vermutlich ein kleines bisschen anders, als wir gekommen sind.



